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Groove Attack magazine (RSS)
Wednesday, Jul 07 2004 | 13:40

Pressereaktionen zum Bürger-Fest mit dem Bundespräsidenten Horst Köhler Vor dem Brandenburger Tor, bei dem auch die türkischstämmigen HipHopper Eko Fresh und Azra auftraten:

Es muss ein Rap durch Deutschland gehen: Horst Köhler und Pop

von Sebastian Hammelehle (Frankfurter Rundschau)

Im Haus der Geschichte werden Sie es nicht erfahren: Es war auch Roman Herzog, der Gerhard Schröder zur Kanzlerschaft verhalf. Wie die meisten Bundespräsidenten vor ihm blieb Herzog dem kollektiven Gedächtnis mit einem einzigen Satz in Erinnerung. Hatte Heinemann gesagt “Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau”, Lübke ein Pferderennen angeblich mit “Equal goes it loose” kommentierte, war es bei Herzog: “Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen”.

Weil in den neunziger Jahren aber Kalauer hoch im Kurs standen, scherzte das in Comedy verliebte Publikum bald, es müsse “ein Rock durch Deutschland gehen” – und wählte jenen Spitzenpolitiker, der das Bekenntnis zum Rock mit der Hoffnung auf den Ruck zu verbinden wußte: Den Scorpionsfan Gerhard Schröder.

Wahlhelfer Popkultur

Horst Köhler weiß also, was er tut, wenn er das Festessen zu seiner Amtseinführung heute Abend von Popstars begleiten lässt. In Sachen Lifestyle will die CDU von Schröder durchaus lernen. Und in Washington, In Washington, wo Köhler den Geist der Weltläufigkeit in sich aufgenommen haben soll, war Elvis Presley schon vom Präsidenten Nixon ernannter Drogensheriff, als Walter Scheel noch nicht einmal Volkslieder sang; Clinton gewann die Wahl mit “Don’t stop” von Fleetwood Mac und George W. Bush lud Destiny’s Child zur Amtseinführung ein. Johannes Rau brachte es nur zur Eröffnung einer Disko für ältere Menschen – und die hieß auch noch Adagio.

Dass Horst Köhler seine Popstars auf Rat von Thomas M. Stein eingeladen hat, dem eher unangenehmen Plattenboss-Darsteller aus “Deutschland sucht den Superstar”, dass der Yvonne Catterfeld aussuchte, das Starlet aus “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” und Udo Lindenberg, mag weder Ruck noch Rock versprechen – wirklich überraschend ist, dass Eko Fresh und Azra auftreten, haben die beiden türkischstämmigen HipHopper doch mit Dünya Dönyüor – Die Welt dreht sich das erste HipHop-Album aufgenommen, das in türkischen und in deutschen Reimen das Leben eines Einwandererkindes der dritten Generation schildert.

Starke Position oder Vortänzer?

Vielleicht werden die beiden Köhler ja beim Essen erzählen, dass kaum ein Radiosender ihre Musik spielen will, weil türkisches Selbstbewusstsein noch immer als schlecht gilt für die Quote.

Selbst beim besonders von türkischstämmigen Berlinern gehörten Sender Kiss FM kommt ihre Single “Einfach schön” nicht ins Programm, weil der Verantwortliche dort, wie er behauptet haben soll, “schon zu oft von Türken angemacht wurde”. Wenn Köhler klar wird, dass solche Sprüche auch etwas zu tun haben könnten mit den Positionen, die Politiker seiner Partei zu Zuwanderung und EU-Mitgliedschaft der Türkei vertreten, hätte sich der Abend gelohnt.

Dann würde, wenn das Wortspiel erlaubt ist, sogar ein Rap durch Deutschland gehen. Wenn nicht, könnte ein anderes Wortspiel die Runde machen: “Horst case scenario”. Wofür das stehen würde? Für einen Präsidenten, der mit HipHop Weltläufigkeit zu demonstrieren versucht – und doch nur Quotenausländer vortanzen lässt.

Der abgeschirmte Präsident (Berliner Zeitung)

Vor dem Brandenburger Tor sollten Bürger ein Fest mit dem Horst Köhler feiern – doch Volksnähe sieht anders aus

BERLIN, 4. Juli. Zwischen schwäbischem Eintopf und Schwarzwälder Kirschtorte ist der Rapper Eko Fresh dran. Er betritt die Bühne am Pariser Platz, greift sich ein Mikrofon und ruft: “Der König von Deutschland ist ein Türke”. Dann singen er und die Band ihr bekanntestes Lied, den “König von Deutschland”
als Rapversion. Die Musiker aus Mönchengladbach tragen bedruckte T-Shirts.
“Türken können länger. Ist das ein Abschiebegrund?” steht darauf. Eko Fresh
skandiert: “Say ho ho”, doch das Publikum antwortet nicht.

Es ist nicht sein Publikum: Festlich gekeidete Menschen, die an langen weißen Tafeln sitzen, manche sehen ein wenig irritiert aus. Eben noch haben die Schöneberger Sängerknaben “Viel Glück und viel Segen auf all Deinen Wegen” vorgetragen – und dann dieser Auftritt. “Man guckt uns an, als ob wir Aliens wären”, sagt Eko Fresh danach und grinst. “Aber das ist eigentlich auch klar. Ich bin ein ausländischer Junge, und das geht mit der CDU gar nicht zusammen.” Vor Gesine Schwan, sagt er, hätte er lieber gesungen. Den Auftritt hat ihm Thomas Stein besorgt, der frühere Chef seiner Plattenfirma BMG. “Ich habe mein Statement gemacht, deswegen bin ich hier”, sagt Eko Fresh. Doch Horst Köhler hört die Botschaft nicht. Als sich der 20-Jährige einen Bundespräsidenten wünscht, der auch für die ausländischen Bürger da ist, ist dieser umringt von Menschen und hat seinen Stuhl so gedreht, dass er die Bühne nicht sehen kann.

Vorbild Antike

1400 geladene Gäste feiern am Sonnabend vor dem Brandenburger Tor unter freiem und sogar trockenem Himmel die Amtseinführung des Bundespräsidenten mit einer “Tafel der Demokratie”. Darunter sind 600 ausgewählte Leser mehrerer deutscher Zeitungen, auch der Berliner Zeitung, die an diesem Abend die Gelegenheit haben sollen, ihr neues Staatsoberhaupt kennen zu lernen und vielleicht sogar ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Eingeladen hat die Werkstatt Deutschland, ein gemeinnütziger Verein, zu dessen Mitgliedern frühere Politiker wie Lothar de Maizière zählen. Es soll ein Volksfest werden, das an eine Tradition aus der Antike anknüpft. Doch zu einer Begegnung mit dem Volk kommt es nicht. Während des Drei-Gänge-Menüs wechseln Horst Köhler und seine Frau Eva dreimal den Platz. Der Bundespräsident spricht mit Politikern, Fernsehmoderatoren, Diplomatengattinen. Sehr viel Berliner Prominenz ist unter ihnen. Der Pensionär Eberhard Diepgen etwa. Oder die West-Berliner Gesellschaftsdame Ulla Klingbeil, die außerhalb der Stadtgrenzen kaum bekannt sein dürfte. Die, die nicht prominent sind, werden von Bodyguards abgedrängt, wenn sie sich dem Präsidenten nähern wollen.

In einem kurzen Interview, das Sandra Maischberger auf der Bühne mit Köhler führt, haben sie dann doch noch Gelegenheit, Köhler zu hören. Die Deutschen hätten es verdient, dass es dem Land wieder besser geht, sagt er. Die Zuhörer applaudieren begeistert. Auch Franz Randak gefallen diese Worte. Der 78-Jährige sitzt an einem Tisch ganz am Rand, er sieht ein bisschen so aus, als sei er in die falsche Veranstaltung geraten. Franz Randak trägt keinen schwarzen Anzug wie die meisten Männer hier, sondern einen schlichten, hellen, am Kragen haftet ein kleines Abzeichen des Bundesverdienstkreuzes. Randak wurde von den Lesern der Passauer Neuen Presse nach Berlin geschickt. Ein Redakteur der Zeitung rief ihn daheim in Eggenfelden an und sagte: “Sie müssen fahren”. Randak hatte bei der Abstimmung die meisten Stimmen bekommen. “Also habe ich gesagt, ja gut, ich fahre.”

Audienz für Frank Zander

Vor 30 Jahren hat Franz Randak eine Behindertenwerkstatt gegründet, inzwischen sind es vier Einrichtungen, die auf Initiative des Heilpädagogen im Landkreis Rottal Inn entstanden. Erst vor zwei Wochen wurde in Eggenfelden ein Zentrum für Kinder- und Jugendhilfe eingeweiht. Vor dem Eingang steht ein Brunnen. Randak nennt ihn Kindermahnbrunnen. “Allein für den Brunnen haben wir 60000 Euro gesammelt”, sagt er. Vielleicht hätte er Horst Köhler gerne davon erzählt.

Frank Zander hat die Möglichkeit, an diesem Abend mit dem Bundespräsidenten zu sprechen. Er drängt sich an den Bewachern vorbei, Horst Köhler strahlt ihn an und gewährt zwei Minuten Audienz. “Man muss sich immer mal wieder zeigen”, sagt Zander hinterher. Zander hat sich die Einladung durch sein soziales Engagement verdient. Seit zehn Jahren lädt er zum Beispiel Berliner Obdachlose in der Weihnachtszeit zu einem großen Festessen mit Gänsebraten und Bier ein. 1 400 Gäste bewirtete er im vergangenen Jahr im Neuköllner Estrel-Hotel. “Geld sammeln ist ein harter Job”, sagt er. “Obdachlose, das riecht für die meisten nach Schweiß und Kloake.”

Für Zander hat sich der Abend gelohnt. Es ist noch Gaisburger Marsch übrig, Rindfleischeintopf, und der Bundespräsident überlässt ihm den Rest. Die Ãbergabe soll am nächsten Tag sein. Und tatsächlich steht Horst Köhler am Sonntag pünktlich um eins mit einem 100-Liter-Topf vor dem Restaurant Tucher am Brandenburger Tor. Gemeinsam bringen sie die Suppe in die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten, Zander fährt mit seinem Bus vor, Köhler folgt mit Eskorte.

Das Album Eko & Azra “Dünya Dönüyor – Die Welt dreht sich” (Royal Bunker) ist am 07.06.2004 erschienen.

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